Drei Wochen nach dem Diagnostiktag rufe ich montags in Münster an. "Haben Sie in den nächsten drei Monaten vielleicht noch einen Termin frei?" - "Wenn Sie am Donnerstag kommen könnten? Es hat jemand abgesagt!" Drei Tage. Ich habe wieder keine Ahnung, wer die Kinder betreuen soll, was ich brauche, wie ich hinkomme, wie ich es finanziere. "Wenn ich auch Samstag kommen könnte?", sage ich am Dienstagabend zu. Ich bin völlig losgelöst. Aber bekanntlich vertreibt zielgerichtete Anspannung die lähmende Dauerkrise. So telephoniere ich unaufhörlich. Die AOK lehnt ab. Ich klage wieder und wieder dem Sachbearbeiter mein Elend, erläutere ihm die Einmaligkeit dieser Chance und die Unmöglich einer Langzeittherapie. Am nächsten Morgen sagt er: "50%." Ich packe meinen Koffer, organisiere eine Haushaltshilfe, räume Schränke auf. Fast kommt meine alte Energie wieder auf. Ich telephoniere mit der AOK: "75% und bei Erfolg 100%." Meine hiesige Therapeutin geht zum Sachbearbeiter. Ich informiere den Kindergarten, arbeite Omas und Haushaltshilfe ein und richte alle Unterlagen. Den Arzttermin darf ich in Münster wahrnehmen. Das Schlimmste in diesem Trubel: Jeder ist dagegen. Alle fühlen sich überrumpelt, halten die Therapie für unnötig und bedauern die verlassenen Kinder. Das Beste: Mein Selbstvertrauen wächst trotz aller Zweifel. Drei Freunde reden mir zu. Ich habe keine Zeit mehr nachzudenken. Da klingelt das Telephon. "100%, aber kommen sie vorher doch mal vorbei. Hier kennt sie ja keiner." Ich hetze zur AOK, zappele auf dem Stuhl herum und erzähle die 143ste Version meines Elends. Der Mann ist beeindruckt. Ich bin dankbar.
Therapieverlauf in Münster
"Guten Tag Frau H., ich bin Frau N.". Nur in einem kurzen Telephongespräch hatten wir Kontakt aufgenommen. Die Kamera hatte an meinem Diagnostiktag einen Aussetzer und die Aufzeichnungen waren nicht mehr zu verwerten. (Das Schicksal ist doch manchmal gerecht.).
Meine Therapie beginnt. Nein - erst mal zwei Therapieplanungstage. Gespräche unter laufender Kamera in "meinem" Zimmer. Dazwischen Fragebögen. Die Kröte wird seziert. Alle Gedanken, die ich so mit mir rumschleppe, mit kaum jemandem teilen kann, alles, was mich so bedroht, alle Krücken, mit denen ich mich aufrechtgehalten habe, alles, alles spucke ich aus. Frau N. hört zu, fragt nach.
Am Abend gehe ich zum Essen. Dieses Mal ist das Haus belebter. Ich quetsche mich allein an einen Tisch - draußen natürlich. Sehen und gesehen werden unter lauter Angstbetroffenen - oder hat der einen Zwang und die eine Bulimie? Ich schnappe mir schnell Vorrat vom Büfett. Man weiß ja nie, ob man jemals wieder da runter kommt.
Zum Abschluß der Planungstage wird mir ein grobes Konzept vorgestellt, kein genaues Programm - wegen der Erwartungsängste. (Die habe ich sowieso, aber ich weiß, was sie meint.) Ich bekomme Zeit, um über meine Entscheidung nachzudenken. Auf vielen Zetteln sammle ich Bedenken und Befürchtungen, vor allem über die Zeit danach.
Ich fühle mich sehr wohl in meinem Zimmer, genieße den Luxus um mich herum und versuche, es mir gutgehen zu lassen.
Ich beschließe, mit all meiner Kraft in diese Therapie zu gehen. Entweder drehe ich dann wirklich durch, oder das Konzept stimmt und wird mir helfen.
Am Dienstagmorgen beginnt das Programm. Jetzt folgen all die Highlights, die man so von den Medien als Sensationen präsentiert bekommt. Die eher verstören als animieren und gar nicht das Eigentliche treffen. "Was soll ich vom Kölner Dom runtergucken, wenn ich nicht zu Hause einkaufen kann? Was ist das für eine Foltermethode in der Dunkelkammer? Was soll das alles in Münster mit Begleitung nützen, wenn ich Zu Hause nicht mehr alleine zurechtkomme?" Die U-Bahnen, die Kinos, die Flugzeuge, die Schiffsreisen, die fremden Städte? Was hat das alles mit mir zu tun? Mit meiner Problematik. Mit dem Kindergarten, dem Supermarkt, den Beziehungsschwierigkeiten? Auch ich erlebe einige dieser kleineren und größeren Sensationen und kapiere nun auch endlich warum. Die Angst soll auf ihren Höhepunkt gebracht und dort ausgehalten werden. Vor allem soll das Erlebnis vermittelt werden, daß die Angst runtergeht, wenn sie sehr weit oben war, und man sie zulassen kann. Dafür werden Situationen ausgewählt, in denen sehr schnell ein hohes Angstniveau erreicht werden kann. Manchmal ist es die Hölle, aber man erlebt, daß sie runtergeht und die Katastrophe nicht einsetzt.
Wichtig ist, solange in der Situation zu bleiben, bis die Angst wirklich runtergegangen ist und zwar genau auf dem Fleck, auf dem sie entstand. Mit dieser Erfahrung im Körper starten wir ohne Pause oder mit sehr wenig Erholungsphasen zur nächsten Übung. Ich werde aus meiner Schonhaltung herausgerissen. Ich lerne, mir wieder Belastungen zuzutrauen, und entdecke daß man auch innerhalb von Situationen entspannen kann und zwar ohne Autogenes Training oder andere Hilfsmittel. Extreme Gefühle nutzen sich ab - mit der Zeit. Durch die Aktivität wächst meine Lebensfreude. Wir sind ständig unterwegs. Mein Selbstvertrauen legt zu, während die Kröte allmählich verhungert. Alles, was mir während der Übung in den Kopf kommt, äußere ich laut. Wir entlarven Befürchtungen und spüren Vermeidungsverhalten auf. Lieblingsfragen von Frau N. sind: "Wie hoch ist die Angst? Was könnte die Angst noch schlimmer machen?". Ständige Konzentration auf die wesentlichen Punkte steht im Vordergrund. Wann kommt die Angst? Was denke ich dabei? Was fühle ich? Wann kommt der zwingende Impuls, die Situation zu verlassen? Die angstbesetzten Situationen spielen bald gar keine große Rolle mehr. Es sind die abertausend kleinen Fallen, raffinierten Ausweichmanöver und Selbstbetrügereien, die als Muster seit vielen Jahren so tief eingraviert sind. Die sich verselbständigt haben und alles Denken, Handeln und Fühlen zersetzen, wie ein bösartiger Virus. Heute glaube ich, daß durch die räumliche und zeitliche Dichte der Expositionen, in dieser Therapieform, eine unaufhörliche Aufdeckung der kleinen und großen Tricks erst möglich wird. Diese manchmal völlig merkwürdigen Hilfstechniken, scheinen zwar den Umgang mit der Angst in Anfallssituationen unmittelbar zu erleichtern, verlagern, festigen und erschweren aber auf längere Sicht so ungemein die Problematik, daß Vermeidungsverhalten und damit auch die Angst vor der Angst zum eigentlich größeren Hindernis für eine langfristige "Heilung" wird. - Ich konnte nicht mehr ausweichen. Ich habe gelernt, die Signale zu erkennen.
Wir haben viel geredet auf unseren Ausflügen oder bei den abendlichen Nachbereitungen. Mit Frau N. habe ich mich schnell wohlgefühlt, das CDK wurde zur Sicherheitszone und die Mitbewohner zu Verbündeten.
Oft haben wir uns von unseren täglichen Abenteuern berichtet, gelacht, uns im anderen wiedererkannt, uns Mut gemacht oder die Therapien verglichen. Wir hatten vieles gemeinsam, aber jeder hatte sein ganz persönliches Therapieprogramm.
Heimisch werden, ist nicht im Sinne der Therapie. Also flugs in den Flieger und in eine fremde Stadt verfrachtet. Ohne Therapeutin bestritt ich einen Tag und eine Nacht alleine. Meine Lebensfreude wuchs ständig. Ich führte nur noch alleine Übungen durch, die vor- und nachbesprochen wurden. Münster ist eine wunderbare Stadt, um wieder aufzublühen. Ich radelte ins Umland, bummelte durch die Altstadt und genoß die zahlreichen Angebote, fast wie ein Tourist.
Es wurde Zeit nach Hause zu fahren.
Nach 12 Tagen waren meine bleierne Schwere, meine lähmende Depressivität und diese quälende Grundanspannung vorbei. Ich hatte keine Angst mehr, zusammenzubrechen, hysterisch rumzuschreien oder irgendwo zu erstarren. Ich habe gelernt, die Befürchtungen in schwierigen Situationen anzuschauen und in ihrer Konsequenz zu Ende zu denken. Die Katastrophen im Kopf sind nicht mehr so unmittelbar bedrohlich, und ich fühle mich handlungsfähiger.
Die Therapie ist nicht vorbei. Es folgt eine sechswöchige Selbsterprobungsphse, für die wir Übungen besprechen.
Wieder zu Hause
Die erste Zeit zu Hause ist hart. Der ungemeine Schwung von Münster motiviert mich zwar, alles Erdenkliche endlich auszuprobieren, aber es fehlt mir trotzdem das sichere Netz des CDK, die ständige Verfügbarkeit der Therapeutin, der Austausch mit den anderen und der Spaß am Neuen. Der Alltag ist erdrückend. Die Übungen einzubauen, bedarf großer Organisation. Eigentlich wird alles zur Übung. Die alten Gewohnheiten sind spontan verführerisch und sofort wieder präsent. Die Stimmungen, die Körpergefühle, die diese fatale Selbstbeobachtung auslösen, sind tiefer eingekerbt, als ich jemals glauben wollte. Enttäuschungen, Fehlschläge, depressive Verstimmungen reißen mich zurück. Jetzt brauche ich das, was ich am wenigsten besitze: Selbstdisziplin.
Ich lese immer wieder meine Aufzeichnungen von Münster, klammere mich daran wie an einen Rettungsring, mache sie zum Fahrplan in fremden Geländen. Der Gedanke zurück zu können, die Telephonate mit Frau N. und die Möglichkeit vielleicht noch hier mit ihr zu üben, lassen mich durchhalten.
Sich permanent selbst zu entlarven, das Warten auf die Angst und Vermeidung und dabei gleichzeitig die Selbstbeobachtung im alten Kontrollstil zu verlernen, scheint mir unvereinbar.
Ich schaffe es. Ich habe es in Münster geschafft, und ich werde es hier und jetzt schaffen!
Ich habe seither vieles unternommen. Ich gehe wieder einkaufen, auf Elternabende, in Ausstellungen, fahre größere Strecken mit dem Auto, war mit den Kindern ein paar Tage alleine in Urlaub und tue vieles andere mehr...
Die Kröte wird mich noch eine Weile begleiten, aber sie wird mich nicht mehr verschlingen und so unabdingbar beherrschen.
Und dieser ganze ursächliche Mangel an Urgefühlen? - Er ist mir einerseits in Form von fehlender Geborgenheit, schwachem Selbstvertrauen, Unfähigkeit zur Nähe, schwankender Stabilität und Inkonsequenz wieder schmerzlich bewußt geworden, aber andererseits habe ich auch einige meiner besonderen Eigenschaften wieder aufgespürt, wie z.B. Sensibilität, Aufmerksamkeit, Einfühlungsvermögen, Willenskraft, Tatendrang.
Ich habe jetzt mehr Raum gewonnen, mich damit zu befassen, und mehr Gewißheit, meine Defizite nicht mehr nur bedauern zu müssen, sondern sie dank meiner Stärken weiterentwickeln, ausgleichen und akzeptieren zu können.
Wer hat schon die Chance, seinen Schleier haben und immer wieder auf Neue sich demaskieren zu müssen?
Es gibt gute Tage, und es gibt schwierige Tage. Aber es gibt sie eben wieder solche Tage und solche Tage - und das ist doch schließlich ganz normal, oder?
Jeder packt irgendwann seinen
eigenen Koffer und tritt seine eigene Reise zu sich selbst an.