Ablauf einer Therapie (nicht
meiner) im Christoph Dornier Centrum |
Meine Lage erscheint mir so grau und trostlos wie der Dezembertag, an dem ich mich plötzlich ganz spontan entscheide, Münster anzurufen. Fragebögen werden mir zugesandt und eine Therapeutin zugeteilt. Münster liegt in meinem Kopf wie das Lexotanil in meiner Handtasche. Ein Notfallmittel. Für den Ernstfall - die letzte Idee. Mit feuchten Händen greife ich im Januar zum Telephon. Ich fühle mich elend und schwach. Ein großartiger Kämpfer hat den Kampf aufgegeben. Ich will nicht jammern, nur bitte ein paar Informationen - und schon bin ich mittendrin, mein Elend zu schildern. Geduldig und sachlich wiederholt die Therapeutin die Angebote des Dornier-Centrums Münster. Arrogante, ehrgeizige, verkopfte Zicke! Ich würde ja kommen, wenn ich die Kinder unterbringen könnte, wenn ich das Geld hätte, wenn ich überhaupt hinfahren könnte und wenn sie mir wirklich helfen würden. Sie bietet mir an, nach L. zu kommen. Finanzielle Probleme könne ich mit Frau S. besprechen. Gestärkter lege ich auf. Die Anspannung ist erst einmal wieder von der Seele geschwätzt, und ich bin sicherer geworden, es alleine zu schaffen. In der nächsten Zeit "übe" ich. (Fast) alle Bücher habe ich gelesen, mich mit meinen Hintergründen beschäftigt, und ambulante Therapiemöglichkeiten nutze ich auch. Wie oft überwand ich schon Lebensphasen mit Panikattacken, Phobien und Ängsten aller Art. Ganz alleine und ganz heimlich. Immer wieder hat mich die Angst in neuen Masken erschreckt, aber immer wieder habe ich ihr standgehalten. Soll ich das jetzt alles preisgeben? Ein offizielles Zugeständnis, irre zu sein? Hilfe zu brauchen? Nicht zurechtzukommen, da wo andere alles mit links meistern? Trete ich eine Lawine los von Therapien, stationären Aufenthalten, Abhängigkeiten? Meine Übungen funktionieren nicht. Irgendwas läßt mich an all diesen Anweisungen zweifeln. Ich versuche, nicht mehr an die Angst zu denken, sie schlicht zu ignorieren. Vergeblich. Die Befindlichkeitsbeobachtungen ufern in hysterische Dauerkontrollen aus. Ich gewöhne mir Tricks an, mit denen ich ein paar Meter weiter komme als im Herbst. Draußen wird es Frühling, und ich schaue ihm durch die Scheibe zu. Wie ein Tiger im Käfig laufe ich auf und ab. Ich will nicht mehr. Will endlich ausruhen. "Psychosomatische Klinik" meinte einer meiner Ärzte, die mir immer wieder versichern müssen, daß mein Leiden keine körperlichen Ursachen hat. Psychosomatik - ein Gespenst. Ich telephoniere mich durch bis zum Chefarzt. Mindestaufenthalt: 3 Monate. Gruppengespräche, Expositionen, Schwimmbad, Basteln, Gruppen, Schlafen, Einzelgespräche. Klingt nach Kur. Klingt verlockend wie ein warmes Bett. Aber ich kann nicht so lange weg. Ich will nicht in Gruppen mein Selbstbewußtsein trainieren. Ich habe keine Zeit für die Leidensgeschichten anderer. Ich will nicht Körbe flechten und in unförmigen Tonklumpen meine Seele suchen. Ich bin wütend und hilflos. Wieder übe ich alleine. Wieder kehre ich zurück. Nach 5 Metern, nach 10 Metern, nach 20 Metern. Ich fahre mit in Supermärkte, in den Wald, in die Stadt. Ich quäle mich und leide wie ein Hund. Die Anspannung umklammert mich seit nun bald einem Jahr. Ich sitze auf dem Stuhl und halte mich selber fest. Ständig nehme ich meine Kinder auf den Arm, ziehe ihre Hemden glatt, streiche ihnen die Haare aus der Stirn. Wer hält hier wen?
Der Diagnostiktag Anfang Mai vereinbare ich endlich einen Diagnostiktag am 24.05.1995. Ich werde erwartet und folge über helle Marmortreppen durch zu dunklen Gängen in ein "Hotelzimmer" á la "Möbel Mann". Der schwarze Koffer unter dem Arm der Psychologin entpuppt sich als Kamera, die nun so plaziert wird, daß mich ihr schwarzes Auge in voller Größe beglotzen kann. Ich fühle mich wie ein öffentliches Experiment. "Nein" - sage ich ,"bitte nicht!" Wieder sachlich und freundlich werde ich über Supervisionsbedeutung und wissenschaftlichen Nutzen aufgeklärt. Ersteres kann ich schließlich akzeptieren, für Letzteres werden aus der Einverständniserklärung Sätze gestrichen. Man geht auf mich ein. - Fenster offen? zu? Pause? Der Kampf mit der Kamera hat die Anspannung erst einmal wieder leicht gelöst. Stundenlanges Erzählen, Fragen, Antworten schließt sich an, bis ich den Raum, die Kamera, die Stadt, das Haus vergesse. Alles dreht sich um meine Person. Um meine Angst. Unsicher schaue ich mir in der einzigen Pause, die ich mir gönne, die allgemeinen Räumlichkeiten an. Wohlduftende Damen dekorieren Rezeption und Tresen. Ansonsten bewegt sich kein Mensch durch diese azurblau stählerne Kulisse. Wie soll ich hier essen? (Kein Wunder, daß die Therapie so teuer ist - so viel "Schicki-Micki".) Die Therapeutin erläutert die Auswertungen. Diagnose: "Agoraphobie mit Panikattacken. (Weiß ich schon. Trotzdem noch einmal korrekt ausgelotet und offiziell bestätigt.) Die Überlegungen der Psychologin faszinieren mich. Wenn sie mir jetzt noch sagen würde, was ich in meinen Übungen falsch mache, wieso die Anspannung trotz langen Ausharrens in den Situationen nicht runtergeht und welche von der Angst verursacht sind, könnte ich gehen. Obwohl ich mich schon völlig durchgeröngt fühle, ist sie nach dieser Bestandsaufnahme dazu noch nicht in der Lage. Erstmal die Therapieplanung abwarten, die einem stationären Aufenthalt voraus gehen würde und während derer noch exakter die einzelnen Situationen analysiert werden könnten. Noch exakter? Als wir uns in einer Zeichnung auf meine Angsthöhe-, Flucht- und Wendepunkte konzentrieren, habe ich eines meiner wesentlichsten Schlüsselerlebnisse. Jemand betrachtet mit mir diese Höhepunkte, die ich nicht mehr glaube aushalten zu können, und führt mich weiter, macht es mir möglich, die Befürchtungen in ihrem unerträglichsten Augenblick distanziert anzuschauen. Mit dem Skalpell zerlege ich wie ein Chirurg das Problem. Ich bekomme zum ersten Mal das Gefühl von Abstand und bin nicht mehr hilflos der schwarzen Kröte ausgeliefert, die jeden Augenblick meines Lebens in eine Hölle verwandeln kann, wenn sie aus der Tiefe meines Bauches langsam den Hals hochkriecht, mich würgt, peinigt, verhöhnt und alles, was meine Identität ausmacht, mit einem Mal verschlingt. Mich verwandelt in ein schutzloses Geschöpf ohne oben und unten, ohne vorher und nachher, ohne Halt und ohne Kern. Ich fühle mich verstanden. Erschossen, erleichtert, befriedigt und zuversichtlich steige ich abends ins Auto ein. Mit neuen Erkenntnissen starte ich in meinen Alltag. Ich kann jetzt differenzierter beobachten, bin mutiger und mein Bewegungsradius wird größer. Viel wirres, ungreifbares Unwohlsein hat jetzt einen Namen. Das Vokabular für meinen Zustand ist zahlreicher geworden. Doch immer wieder überfällt mich das Gefühl zu erstarren, umzufallen, auszurasten. Fehlen mir nicht vor allem die Urgefühle von Selbstvertrauen, innerer Stabilität und Authentizität? Vergebe ich nicht die Chance der Selbsterkenntnis, den zwar leidvollen, aber dennoch gewinn-bringenderen Weg der ganz persönlichen Erfahrung zu gehen, wenn ich es nicht alleine schaffe? Hat nicht alles seinen Sinn, seine Zeit? Lösen sich nicht die Knoten, wenn man zur Einsicht von Innen gewachsen ist? Ist diese Therapieform nicht zu oberflächlich? Doktert sie nicht nur an den Symptomen herum, ohne die Ursachen aufzudecken? Vielleicht hat man aber gerade in der Bearbeitung der Verhaltensweisen die Chance zu tieferen Schichten vorzudringen. Kann sie zu Symbolen werden lassen, für auslösende Ideen, zugrunde liegende Konzepte und tief verwurzelte Kindheitsmuster. Man erkennt im Tun. Wer macht Erfahrung denn allein im Kopf? Das Aktivwerden und Aufraffen, Entscheiden und Konsequentbleiben sind meine wesentlichen Probleme. Denken, Reden, Analysieren, Erfinden und Begründen kann ich wie die meisten Angstbetroffenen doch ganz gut. Handeln und Verantwortung für mich übernehmen, gelingt mir dagegen weniger. Vielleicht ist gerade deshalb der handlungsorientierte Ansatz der Verhaltenstherapie hier so erfolgreich. Immerhin bisher der erfolgreichste. Es wird Sommer. Ich will schwimmen im See, radfahren über die Felder, Cappucino trinken im Straßencafé, Verreisen, Menschen treffen - raus, raus, raus! Ist es nicht auch ein Zeichen von Stärke, wenn man entscheiden kann, im rechten Moment Hilfe zu holen? [ Zurück ] |