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Hallo Clara!
Ich kann dich gut verstehen und es tut mir leid, dass deine Ängste auf nahezu alle Fortbewegungsmittel ausgeprägt sind. Traurig ist es natürlich auch, wenn diese Probleme auf deine Ehe überspringen, denn es gibt nichts Schlimmeres, als wenn man in solch einer Situation missverstanden wird und keinen Rückhalt hat. Ich habe das Glück, dass mein Mann mich voll und ganz unterstützt und Verständnis für meine Ängste aufbringt, auch wenn er sie nicht verstehen und nachvollziehen kann. Aber es ist natürlich wirklich für jemand "Unbeteiligten" sehr schwierig, damit klar zu kommen und ich will nicht ausschließen, dass das auch in meiner Ehe zu Komplikationen führen könnte, nämlich dann, wenn ich mich hängen ließe und sozusagen aufgeben würde, dagegen was zu tun. Sicher habe ich oft schlimme Tiefpunkte, wo ich wirklich denke, dass macht doch alles keinen Sinn und bringt mich nicht weiter, aber ich weiß auch, wenn ich mich von meinen Ängsten geschlagen gebe, dann habe ich verloren und das Leben ist nicht mehr lebenswert. Mit dem Zugfahren habe ich momentan keine Probleme, aber es gab eine Zeit, da hatte ich ähnliche Gedanken, wie du sie beschrieben hast und habe bemerkt, wie schnell man immer weiter rutscht, wenn man immer mehr Dinge meidet. Das waren irgendwie Alarmglocken in mir, denn irgendwann ist man dann soweit, dass man nicht mal mehr das Haus verlässt. Vor 3 Jahren habe ich meinem Mann ein 4-tägige Reise nach Paris geschenkt und zwar sollte es mit dem Thalys (ähnlich wie TGV )von Köln aus losgehen. Auf die Reise habe ich mich sehr gefreut, aber was meinst du, was ich für Angst vor dieser Zugfahrt hatte, obwohl ich sie selber gebucht hatte. Die reinste Panik im Zug habe ich mir vorgestellt. Was, wenn die Türen zugehen, dann komme ich nicht mehr daraus? Was sollen die Leute denken? Was, wenn mir schlecht wird? Was, wenn ich durchdrehe, wenn ich die Kontrolle über mich verliere? usw. usf., aber ich hatte nunmal die Tickets gekauft und die sind nicht billig und deshalb musste ich mich meinen Ängsten stellen. Ich hatte eigentlich keine Angst, dass dieser Zug verunglücken könnte, sondern nur, dass ich mit der Situation nicht fertig werde und durchdrehen könnte, weil ich da ja nicht weg kann. Vorsichtshalber hatte ich allerdings Tickets für die 1. Klasse gebucht, da war mir das Geld einfach egal. Ich dachte mir, da es in der 1. Klasse ja bekanntermaßen nicht so eng ist und man mehr Beinfreiheit hat, würde mir das zumindest schon mal weiterhelfen, weil man eben nicht so beengt sitzt. Ja, und dann kam der Tag der Abfahrt und ich war wirklich sehr, sehr aufgeregt und habe einfach versucht, mich mit der Freude auf Paris und der Tatsache, mit einem so modernen Zug fahren zu können, abgelenkt. Außerdem war ja mein Mann neben mir, so dass ich mich immer an seine Schulter lehnen konnte, denn das beruhigt mich auch. Was soll ich sagen, als es dann losging, war es die ersten 10 Minuten nicht so schön, weil ich sehr angespannt war und meine Körperreaktionen total beobachtet habe, aber danach wurde es immer besser und ich hatte dann sogar richtig Spaß an der Fahrt, obwohl ich das vorher nicht für möglich gehalten habe. Und die Geschwindigkeit, die merkst du überhaupt nicht, denn in jeder Bimmelbahn oder in Regionalbahnen kommt dir die Fahrt viel unruhiger und auch schneller vor, als in solchen modernen Hochgeschwindigkeitszügen. Seitdem macht mir Zugfahren im Wesentlichen nichts mehr aus, obwohl ich natürlich weiterhin meine Ängste in dieser Situation im Kopf habe, aber ich meide sie nicht. Das ist natürlich einfach geschrieben, ich weiß. Würde mir jemand so etwas zum Autofahren schreiben, was ja mein größtes Problem ist, dann würde ich das auch denken. Man muss sich der Situation stellen und darf sie nicht meiden, das ist das Wichtigste, wenn auch sehr schwierig in der Umsetzung. Aber wenn ich dich richtig verstanden habe, hast du ja überwiegend Angst vor dem Sterben. Aber stell dir mal vor, du stirbst und hast bis dahin überhaupt nichts erlebt und von der Welt gesehen, weil dich deine Ängste ständig davon abhielten! Ist dein Leben, um das du so Angst hast, denn dann noch wertvoll, wenn man sich nur noch einigelt und nicht sieht, welch schöne Orte es auf der Welt gibt, die oft gar nicht sooo weit weg sind, sondern eben nur eine mehrstündige Zugfahrt entfernt? Man muss sich manchmal solche Fragen stellen, denn dann wird einem erst bewusst, wie ernst die Lage tatsächlich ist. Deshalb versuch solche eine Fahrt in Angriff zu nehmen, in erster Linie für dich und in zweiter für deinen Mann. Wenn er sieht, dass du ihm den Gefallen tust, dann reagiert er vielleicht auch verständnisvoller!
Liebe Grüße Zimtstern
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