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Autor Thema: Wer sich selbst verstehen will...  (Gelesen 1017 mal)
Tarnkappe
Beginner
*
Beiträge: 5


« am: 26. September 2005, 01:57:55 »

Hallo!

Wer die Zeit und die Lust hat, zu wissen, warum er so ist, wie er ist, dem möchte ich im Folgenden ein paar Tips geben, die dabei vielleicht helfen können.

Ich möchte aber davor warnen, sich darauf zu konzentrieren, sich selbst verstehen zu wollen, da es dazu führen kann (wie sicherlich auch in meinem Fall), daß man mit sich Mitleid hat und sich als Opfer fühlt. Dabei halte ich es für unabdingbar, daß man als Mensch mit psychischen Problemen die eigene Opferrolle aufgibt und Eigenverantwortung übernimmt. Denn vorher wird man nicht emanzipiert sein (ich bin ein Mann, ich hoffe, es ist klar, daß Emanzipation nicht nur mit Frauen etwas zu tun hat). Wie schon in einem früheren Beitrag von mir, möchte ich auch hier darauf hinweisen, daß die Angst nicht dadurch verschwindet, daß man versteht woher sie kommt und wofür sie steht. Die eigene Angst (oder allgemein psychische Probleme) zu verstehen kann lediglich dazu dienen, mehr Sinn darin zu sehen, sich ihnen zu stellen. Vielleicht wird einem dadurch klar, wieviel einem der Sprung ins kalte Wasser bringt, aber das Wasser wird dadurch nicht wärmer und wird auch nicht schneller warm, wenn man dann drin ist.
Soweit das "Vorwort".

Oft liest man in solchen Foren ja so etwas wie "Ich glaube ich bin ein Borderliner" oder "ich glaube ich bin einfach nur extrem schüchtern" oder wie im letzten Beitrag hier "ich glaube ich bin ein Misanthrop".
Das Problem dabei ist immer das gleiche: Geht auf ein Borderlinertreffen oder in eine Selbsthilfegruppe für Sozialphobiker und ihr werdet feststellen, daß kein Borderliner dem anderen gleicht und auch kein Sozialphobiker dem anderen. Mediziner und Psychologen müssen eben Begriffe finden, aber jeder Mensch ist unterschiedlich, keiner ist mit dem Wort "Borderliner" vollständig beschrieben, so wie auch nicht jeder Mensch, der gern Käse ißt, ein Franzose ist oder jeder, der gern Salsa tanzt ein Spanier.

Meine Tips fallen nach dem langen Gefasel jetzt eher kurz aus. Im Hauptsächlichen geht es mit darum, welche Begriffe mir beim Verständnis meiner psychischen Muster geholfen haben. Dabei geht es nicht um Krankheitsbilder, sondern um psychische Muster, der jeder Mensch an den Tag legt, nur "wir" hier vielleicht ein wenig mehr.

Oft hört man ja auch ein "das kenne ich" von Leuten, denen man gerade seine Seele offenbart hat und man denkt dann "halt die Fresse, du kennst das bestimmt nicht!" (auch dieses Denken übrigens ein Muster).

Zunächst zu den Büchern:

Narzißmus - das innere Gefängnis
Ein Buch, das ich vor allem sehr erfolgreichen Menschen empfehle, die aber dennoch psychische Probleme privat und im sozialen Bereich haben. Aber auch für alle anderen sehr interessant (ich bin z.B. alles andere als erfolgreich)

Sigmund Freud - Abriß der Psychoanalyse
Relativ anstrengend zu lesen und vielleicht auch eher für Männer geeignet, da Freud in diesem Buch praktisch ausschließlich über das Seelengerüst von Männern spricht.

Der Eisenhans - ein Buch für Männer
Habe es nach kurzer Zeit abgebrochen. Ich wurde wütend auf den Autor. Auch eine interessante Reaktion.

Die Wolfsfrau - ein Buch für Frauen
Habe ich nicht gelesen, da es sich an Frauen wendet. Soll aber im Ansatz sehr ähnlich sein wie der Eisenhans

Dann noch einige Begriffe, die mir viel zu lange nicht bekannt waren und die einem sehr schnell helfen, sich selbst zu enttarnen. Ich erkläre die Begriffe nicht. Wikipedia oder Google sollten da genug wissen:

-Projektion
-Masorchistischer Triumph
-Doppelbindungtheorie (bei Wikipedia sehr interessant)
-Ödipuskomplex (was man darüber hört, ist meistens falsch und negativ belastet. Es lohnt sich deshalb, mal etwas fachlich darüber zu lesen)
-Triebsublimation/Triebsublimierung
-depressive Kompensation
-Triebhemmung
-rigides Überich/archaisches Überich
-Entwertung/Idealisierung
-Selbstwertproblematik
-Verletzlichkeit (ich führe das deshalb an, weil mir eine Freundin neulich sagte, daß sie jetzt erst (Mitte 20) erkannt habe, daß sie wohl doch sehr verletzlich sei. Das ist vor allem knallharten Managertypen oft nicht bewußt, da sie immer wieder IM BERUFSLEBEN das Gegenteil unter beweis stellen können)

Die Begriffe sind in willkürlicher Reihenfolge


Ich persönlich halte jedenfalls eine Auseinandersetzung mit diesen Büchern (ich persönlich lese übrigens extrem ungern, habe sie aber mit Leichtigkeit gelesen) für sinnvoller als in Suizidforen mit Leuten zu sprechen. Es mag zeitweise notwendig sein, sich mit Mitfühlenden zu unterhalten, aber man darf nie vergessen, daß diese Leute oft die selben Muster aufweisen und man sich nur gegenseitig die Welt schönredet. Man lernt nur im Wasser das Schwimmen und nicht indem man mit anderen Angsthasen Trockenübungen macht, wo doch in Wirklichkeit jedem klar ist, daß es nicht an den Schwimmbewegungen liegt, daß man nicht ins Wasser springt.

Das ist leicht gesagt und schwer getan und ich drücke mich heute noch genauso davor wie früher. Ich spreche nicht aus dem Wasser zu euch und will mich dafür loben, daß ich schon drin bin. Nein, ich steh am Beckenrand und meine Tips können auch nur helfen dorthin zu kommen, statt in der Umkleidekabine zu schmoren. Aber dann steht das Problem wenigstens sichtbar vor einem und vielleicht sieht man irgendwann mal etwas, was einem im Wasser gefällt und dann wagt man auch den Sprung hinein.

Jedem dabei viel Erfolg

Tarnkappe


[Editiert am 26/9/2005 von Tarnkappe]

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