aida
Juniormember
 
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« am: 22. Juni 2006, 11:37:10 » |
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Hallo zusammen,
schon seit langem lese ich hier regelmäßig, traue mich aber meistens nicht, meinen Senf dazu zu geben.
Bin heute ziemlich weinerlich und am Boden zerstört, weil ich das Gefühl habe, alles geht wieder von vorne los. Seit rund 20 Jahren leide ich immer wieder an Depressionen, vor 6 Jahren hat sich eine massive Angststörung dazu gesellt, die sich jetzt mit den depressiven Phasen die Klinke in die Hand gibt. War in den vergangenen 6 Jahren mehrmals stationär, Tagesklinik oder Reha-Klinik und bin zur Zeit befristet berentet, in der ersten Verlängerung.
Erst seit die Angstörung aufgetreten ist, habe ich auch Antidepressiva genommen. Am Anfang noch ein "altes", Tofranil, und danach immer wieder Seroxat. Nach einer Weile (immer rund 1 Jahr) habe ich dann immer das Bedürfnis, es wieder abzusetzten, weil ich es gern ohne probieren möchte und weil ich im Grunde tief in mir drin eine Abneigung dagegen habe. Seit ich es zum ersten Mal genommen habe, glaube ich auch, daß es in meinem Hirn erst recht was Grundlegendes verändert hat, denn seither haben sich die depressiven Phasen sehr verändert. Wenn sie kommen, fühlt sich das so an, als hätte jemand urplötzlich einen Knopf im Hirn gedrückt, plötzlich wird das Sichtfeld richtiggehend eingeschränkt und ich habe dann einen dunklen Tunnelblick und sehe nur noch den Tod vor Augen. Die Sicht auf die Welt ist dann von einer Minute zur anderen total verändert, düster, bedrohlich, ich habe das ganze irgendwann "Endzeit-Stimmung" getauft, denn ich fühle mich wie in einem schlechten Science-Fiction-Film, wenn die Welt kurz vor dem Untergang steht und in Schutt und Asche liegt.
Abwechselnd dazu oder auch gleichzeitig kommen dann massive Angstphasen mit Panikattacken. Eine solche Phase hält mich gerade wieder gefanden, nachdem ich nun seit rund einem Monat wieder ganz ohne Seroxat bin (hatte davor über mehrere Wochen ganz langsam ausgeschlichen, nach Rücksprache mit meiner Ärztin). Heute morgen bin ich schon wieder mit Herzrasen und Unruhe aufgewacht, der ganze Körper brodelte, seit Tagen registriere ich schon wieder ein Symptom nach dem anderen, mal ist mir schwindelig (mein absolut schlimmstes Angssymtom!), dann macht die Blase Probleme, dann schmerzen die Handgelenke und bei allem bilde ich mir dann sofort wieder ein, das seien jetzt Hinweise auf schwerwiegende Erkrankungen - Ihr kennt das ja alles - Herz, Schlaganfall, Tumor und was nicht noch alles.
Mir ist bekannt, daß es auch noch Absetzsymptome sein können, aber ob nun das oder wieder ein Rückfall, trotzdem stehe ich wieder davor wie der letzte Anfänger und frage mich, was ich in den vergangenen Jahren während zig Therapiestunden eigentlich gelernt habe. In der Theorie weiß ich natürlich alles, kenne die ganze Mechanismen und Abläufe und Muster, und trotzdem komme ich mir mit meiner Vernunft nicht mehr bei, wenn es mich einmal gefangen hat und stehe wieder da wie der sprichwörtliche Ochs vorm Berg.
Nun habe ich vorhin Bach Rescue Tropfen genommen und es hat sich ein wenig beruhigt in meinem Körper, aber trotzdem fühle ich mich sehr verzweifelt, weil ich in diesen Momenten nur noch sehen kann, daß nun alles wieder von vorne los geht und sowieso nie wieder besser wird. Manchmal bin ich so verzweifelt, daß ich vor lauter Nicht-Mehr-Aushalten-Können denke, so will ich nicht mehr weiterleben. Wenn man bedenkt, daß ich ja eigentlich höllische Angst vorm Sterben habe, ist das schon ganz schön widersinnig.
Zu allem Überfluß ist meine längjährige Ärztin (ich bin in einer psychiatrischen Institutsambulanz einer Uniklinik in Behandlung) nun gerade fort gegangen, in eine andere Stadt und die Nachfolgerin bleibt evtl. auch nicht lange, ich kenne sie auch noch gar nicht, hab nächste Woche den ersten Termin mit ihr. Natürlich könnte ich mir einen niedergelassenen Psychiater suchen, aber die meisten hier in der Nähe (bei zweien war ich schon einmal zwecks Begutachtung für die Rente) sind eher solche Medikamentenfreaks nach dem Motto: das und das und das können Sie zusätzlich noch nehmen, und probieren Sie dazu auch noch jenes aus... Meine letzte Ärztin ging zumindest sehr auf meine Bedenken und Ängste hinsichtlich der Medikamente und deren Neben- oder Langzeitwirkungen ein. Wenn ich es eine Weile genommen habe, glaube ich, daß es nicht mehr wirklich so richtig wirkt und ich fühle mich damit wie eingeschlafen. Dann habe ich das Bedürfnis, endlich wieder zu "erwachen", wieder mehr zu fühlen, lachen zu können, weinen, wenn ich einen traurigen Film sehe usw. Das alles fehlt mir unter dem Medikament. Ja klar, natürlich kommt dann auch die Angst wieder.
Die Anbindung an die Klinik ist mir auch deshalb so wichtig, weil ich dort hin gehen kann, wenn ich die totale Panik habe und mich zuhause vor Angst, gleich zu sterben, nicht mehr sicher fühle. Wochentags gibt es dort eine Aufenthaltsmöglichkeit für Patienten, zumindest vormittags für ein paar Stunden. Dies wäre bei einem niedergelassenen Psychiater nicht möglich. Wenn ich mal zusätzliche Beruhigungsmittel nehmen mußte (Tafil), habe ich mich dann auch erst getraut, diese dort unter Aufsicht zu nehmen, weil ich Angst davor hatte, nach der Einnahme an einer Nebenwirkung zu sterben und dort wären dann wenigstens sofort Ärzte zur Hilfe gewesen.
Ich bin 40 Jahre alt, verheiratet und mein Mann ist glücklicherweise sehr verständnisvoll und unterstützt mich seit Jahren nach Kräften. Meine Ängste und düsteren Endzeit-Stimmungen kann er mir natürlich trotzdem nicht nehmen und er arbeitet und ist dementsprechend tagsüber nicht da, obwohl wir das auch schon hatten, daß ich ihn panisch bei der Arbeit angerufen habe, weil ich es nicht mal mehr geschafft habe, noch zur Klinik zu gehen und er dann sofort nach Hause kommen mußte, weil ich dachte, jetzt sterbe ich gleich.
Mein Kontingent an Psychotherapie ist derzeit ausgeschöpft. Frühestens ab April nächsten Jahres kann ich wieder eine beantragen.
Es ist mir jetzt ziemlich peinlich, daß ich Euch so langwierig zugetextet habe, aber ich trau mich jetzt in der Hoffnung (und im Grunde auch mit dem Wissen), daß Ihr Verständnis habt, weil es vielen von Euch ähnlich geht und weil ich beim Schreiben gemerkt habe, wie gut es tut, sich das mal alles von der Seele zu schreiben.
Es grüßt Euch
Aida
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