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Autor Thema: Angst vor Menschen und Orten- was kann ich tun?  (Gelesen 1955 mal)
kassitta
Beginner
*
Beiträge: 3


« am: 02. Dezember 2007, 16:45:35 »

hallo leute,
ich suche Rat und Motivation! Seit mehreren Jahren habe ich arge Probleme unter Leute zu gehen. Bahnfahren, auf Privatparties gehen, in die Kirche gehen, mit dem Flugzeug in den Urlaub... all das meide ich aus Angst vor fremden Menschen und Orten. Seit geraumer Zeit versuche ich daran zu arbeiten, doch es hat sich zu wenig  verändert. Wird das jemals aufhören?? Wie bekomme ich mehr Selbstbewußtsein? Ich komme einfach nicht mehr weiter. Ich habe das Gefühl, ich trete auf der Stelle und nichts verändert sich. Die Therapie, die ich seit Monaten mache, bringt mich in dem Fall auch nicht weiter. Was also kann ich tun? Wie verändert man sich selbst? Wie kann man an sein Selbstwertgefühl positiv verändern wenn man nicht an sich glaubt?? Kann mir jemand helfen??
Gruß Bi
Gespeichert
JEM
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Beiträge: 809


« Antworten #1 am: 02. Dezember 2007, 17:59:44 »

"Wie kann man an sein Selbstwertgefühl positiv verändern wenn man nicht an sich glaubt??"

Hallo Bi,

damit hast Du das Kernproblem angesprochen - an sich glauben!
An sich glauben ist nichts Negatives - denn die "Eigenliebe" ist der Keim der Liebe!

(Eigen-)Liebe ist aber erlernbar: Denn wir lernen Liebe, wir lernen Angst, wir lernen Vorurteile, wir lernen Hass, wir lernen Sorge, wir lernen dies und das ....
All das lernen wir in einer Gesellschaft, im Elternhaus oder in einer Beziehung.
Wir lernen von unserer Familie, uns eine Vorstellung von uns selbst zu machen - wer wir sind. Deshalb hat die Familie da eine gewaltige Verantwortung. Die Eltern spüren auch diese Verantwortung, aber sie können sie nur durch das filtern, was sie selbst sind. Halten sie sich nicht für großartige, wunderbare und liebevolle Persönlichkeiten, können sie das auch nicht an ihre Kinder weitergeben.

Das bedeutet aber nur, dass dies später / anderswo gelernt werden muss und kann.
Denn es ist so: Man kann einen anderen Menschen nur lieben, seine Nähe ertragen, wenn man sich selbst liebt! Das bedeutet nicht Narzissmus, sondern ich nehme mich an mit allen meinen Unzulänglichkeiten! Denn dann kann ich auch den anderen mit allen seinen Unzulänglichkeiten annehmen!
Das "Lernen" kann von  Angehörigen  oder einer Therapie unterstützt werden, aber die Akzeptanz muss von Dir kommen - Du musst Dich annehmen mit der Motivation: Jeder Mensch ist einmalig - und das gilt voll und ganz auch für mich selbst!!!
(hier an der Stelle scheint die von Dir angesprochene Therapie zu "lahmen" - spreche das doch bitte bei Deinem Therapeuten/- in an!)
Wir  können uns alle die Angst zum Freund machen, der uns sagen kann, wo wir fehl gehen, ohne dass wir ihm böse sind.
So wie der Mensch der Antike gegen die Furcht die Tugend des Mutes übte, so kann der heutige Mensch gegen die modernen Ängste eine neue Tugend des Vertrauens in sich / auf sich selbst entwickeln und einüben.

Angst ist nichts anderes als der Geburtsschmerz der Erkenntnis von der Freiheit des Menschens - und das sollte kein Grund für die Angst vor der Angst sein!

Sage mir jetzt den Grund, warum Du nicht frei sein willst??

Ich wünsche Dir gute Gedanken und viel Kraft!

Liebe Grüße
Jürgen
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Gesagt ist nicht gehört, gehört ist nicht verstanden. Verstanden ist nicht einverstanden. Einverstanden ist noch lange nicht angewendet. Angewendet ist noch lange nicht beibehalten.
[Konrad Lorenz]
Dancingzombie77
Gast
« Antworten #2 am: 11. Dezember 2007, 08:35:23 »

Ich war vor mehr als einem Jahr vielleicht insgesamt an die zehn Mal beim Verhaltenstherapeuten. Ich habe die Therapie dann abgebrochen, weil ich nicht mehr wusste was ich erzählen soll. Vor etwa einem halben Jahr bemerkte ich dann dass ich in verschiedenen Situationen plötzlich an eines der Gespräche dachte und keine Angst mehr hatte. Jetzt denke ich häufig über die Gespräche nach. Allerdings habe ich inzwischen auch viel im Internet darüber gelesen wie solche Therapien funktionieren sollen und wie die Therapeuten in diesen auf die verschiedenen Persönlichkeiten eingehen. Ich sage ja immer "ein Blick hinter die Kulissen kann Wunder bewirken".

Liebe Grüße
Ulrike
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Schmetterling
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Beiträge: 83


« Antworten #3 am: 15. Dezember 2007, 15:24:26 »

Hallo Kasitta,

sei nicht ungeduldig, so was dauert seine Zeit.
Ich bin schon seit vielen Jahren in Therapie und noch immer nicht völlig frei.
Am Anfang meiner Therapie, wusste ich nicht mal, dass es Ängste sind, die mich so blockieren. Ich hatte nur immer wenn ich unter Leute ging, so ein seltsames Gefühl und konnte mich kaum artikulieren. Mein Mund war wie zugeklebt und ich brachte kaum einen Ton raus.
Heute hat sich das ein wenig gebessert, aber wirklich nur ein wenig. Der Unterschied zu früheren Zeiten ist der, dass ich jetzt weiß WARUM ich nicht frei bin und mich nicht mehr zermartere mit Gedanken und Selbstanklage, warum ich es nicht schaffe, mich unter Menschen "normal" zu benehmen. Wie gesagt, allein für diese Erkenntnis waren einige Therapiejahre notwendig.

An Deiner Stelle würde ich mal mit dem Therapeuten darüber reden, dass die Fortschritte für Dich nicht sichtbar bzw. bemerkbar sind. Dann wirst Du sehen, ob das für ihn im normalen Bereich liegt oder nicht.

Viele Grüße
Schmetterling
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oba
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Beiträge: 359


« Antworten #4 am: 16. Dezember 2007, 12:02:17 »

soziale phobie ist oft weit verbreitert, als man glaubt.
es schachtelt sich von kindheit an, wo man vor der eigenen klasse ein gedicht aufsagen "muss".
die versagen-angst, verbunden mit der blosstellung vor leuten kann sich zu einem trauma entwickeln.
alleine, einen roten kopf zu bekommen, hat mit dieser unsicherheit zu tun, etwas falsches zu machen - und in dieser eigenen erwartungshaltung passierts erst recht immer wieder.

der grad dieser phobie ist unterschiedlich ausgeprägt. vom unwohlsein bis zur panik-attacke.
sensible, ordnungsbewusste und intelligente menschen sind etwas öfter betroffen als luftibusse, schusselige oder gleichgültige menschen. für mich ist trotz allem erstere lieber. auch wenn diese sehr darunter leiden. insgeheim sehr oft mit sich selber sehr hart ins gericht gehen. perfekt sein zu wollen, lieb und immer anständig sein zu wollen, nicht negativ auffallen wollen. eben möglichst das beste geben zu können.

zur frage - was kann ich tun, oder eben, was kann ich "dagegen" tun, versuche ich mal wie folgt zu beantworten:

fehlendes selbstbewusstsein oder minderwertigkeitskomplexe kann man bekämpfen. in dem man versucht, zu hinterfragen, ob man etwas, dass von einem gefordert wird, möchte, oder nicht.
dazu gehört eine klare vorstellung von seinem empfinden. dazu gehört das erkennen, ob man ausgenutzt wird und ob man respektiert wird.
kleine erste schritte sind, "nein, danke" sagen zu können. zum beispiel auf eine frage wie:
"könntest du morgen bitte noch schnell für mich ...egal was, erledigen"? (beigefügt ein süsses "bist ein schatz".)

ein "nein" braucht man auch nicht zu begründen. ein "nein" spricht für sich selber. punkt.

die angst (unbehagen) unter menschen kann man (ganz alleine für sich) abbauen, indem man einfach in ein lokal sitzt. beim hinein gehen schaut man am besten nach einem platz, wo man im rücken keine person hat. (in die ecke gedrängt) ist das nicht. wichtig ist der überblick nach vorne. nähe wc oder ausgang. sollte es einem "zuviel" sein, ist es gut, kleingeld bereit zu haben, dass man für eine konsumation auf den tisch legen kann, ohne dem servierpersonal rufen zu müssen. oder man zahlt gleich zu beginn bei der bedienung.
ein wichtiger punkt ist, "etwas" zur beschäftigung bei sich zu haben. eine agenda oder ein journal. raucher haben die zigarette.
dann geht es darum, ohne grosses aufsehen, die menschen rund herum zu beobachten. nicht "glotzen" oder "fixieren". ganz normal den blick schweifen lassen. im lokal die lampen ansehen, die bilder an der wand oder nähe fenster, mal hinaus  zu sehen. ganz ungezwungen.

ein glückliches obijekt zum beobachten ist die bedienung selber. sie bewegt sich, ist sich blicke gewohnt. blickkontakt mit der bedienung erwidert man mit einem freundlichen schmunzeln. oder einem leichten kopfnicken. das wirkt freundlich und nie arrogant.


also, sozialer phobie ist beizukommen. nicht nach dem ersten versuch gleich aufgeben. immer wieder mal unter leute gehn. mit offenen augen und mit dem hintergedanken:

"ich bin mir meiner person bewusst, darf hier sein, wie alle anderen auch. ich darf sogar lächeln. und mir braucht keiner etwas zu bezahlen hier. diesen kaffee oder was auch immer bezahle ich ganz alleine. hier bin ich mensch. hier darf ich sein".

mutig drauf los. es tut nicht weh. und genau so hab ich meine eigene soziale phobie gemeistert.

gruss oba

Gespeichert
kassitta
Beginner
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Beiträge: 3


« Antworten #5 am: 23. Dezember 2007, 20:19:36 »

ihr lieben Leute, vielen Dank für eure Antworten. Ich habe wegen eines Umzugs etwas Stress zur Zeit, aber ich werde mir bei nächster Gelegenheit nochmal alles durch den Kopf gehen lassen und eine Lösungsmöglichkeit erarbeiten. Danke für die vielen hilfreichen Worte! Eine schöne Weihnachtszeit und guten Rutsch!
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