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Autor Thema: Hört das irgendwann auch mal wieder auf?  (Gelesen 1130 mal)
Lagrima
Beginner
*
Beiträge: 1


« am: 13. März 2010, 23:07:55 »

Hallo, zusammen!

Meine erste Panikattacke bekam ich, als ich mit meinem Freund seine Eltern besucht hatte und ich wollte nur eins: wieder heim. Das ist nun schon fast 9 Jahre her.
Ich hatte mich, als ich wieder daheim war, der Angst gestellt und mich gezwungen in Supermärkte zu gehen, in einen Bus zu steigen, oder auch in der Stadt einfach nur mal zu bummeln. Autofahren war jedoch etwas, was lange Zeit überhaupt nicht mehr ging, bis ich dann in ganz kleinen Schritten immer wieder Fortschritte machte. Ich konnte zwar nicht mehr verreisen, oder große Strecken in Bahn/Auto zurücklegen, aber ich konnte wieder Leben!
Ab und an bekam ich Herzstiche, die manchmal sogar so heftig waren, dass ich glaubte, einen Herzinfarkt zu erleiden. Jedes Mal ging ich zum Arzt, jedes Mal wurde ein EKG gemacht und jedes Mal hieß es, mein Herz sei kerngesund und es sei nur psychisch.
Vor 5 Jahren dann bin ich -nachdem ich 3 Tage durchgearbeitet und kaum etwas gegessen und getrunken hatte- an der Arbeit zusammengeklappt. Ich ging zum Arzt und er sagte mir, ich bräuchte dringend Ruhe. Einen Monat später wurde ich schließlich (im Supermarkt) von einer so heftigen Panikattacke erfasst, dass überhaupt gar nichts mehr ging. Ich hatte Angst aus dem Haus zu gehen, mich zu sehr zu bewegen, denn ich wollte ja nicht, dass sich mein Herzschlag wieder beschleunigt. Auch diesmal zwang ich mich wieder zum Arzt zu gehen und wieder wurde mein Herz untersucht mit dem Resultat, dass alles in bester Ordnung sei. Die Ärztin riet mir jedoch, zu einem Therapeuten zu gehen und das tat ich auch. In Gesprächen stellte sich heraus, dass ich gar nicht weiß, wer ich eigentlich bin und was ich selber will, da ich immer nur das gemacht habe, was andere von mir erwartet haben (was daran liegt, dass ich in der Kindheit immer das Gefühl hatte, die Liebe wäre an Bedingungen geknüpft). So fing ich bereits sehr früh an zu allem Ja und Amen zu sagen, zu lernen wie eine Verrückte, um ja niemanden mit schlechten Noten zu enttäuschen, aber was mich selbst interessierte wusste ich nie.
Wie dem auch sei: die Therapeutin begann mit mir über all das zu sprechen und mir auch "beizubringen" Nein zu sagen. Schließlich fingen wir an, meine Panikattacken mit einer Verhaltenstherapie zu behandeln, was bei mir gar nicht funktionierte. Dann bekam ich Antidepressiva und auch Betablocker, was ich beides nur ganz kurz nehmen konnte, denn während der Einnahme ging es mir noch schlechter (mir wurde schwindelig, ich war benebelt, mein Kreislauf ging gewaltig in den Keller).
Nachdem ich nun wusste, was die Wurzel meiner Probleme war, fing ich an Kontakte zeitweise abzubrechen, dass zu tun, was ICH wollte und mich langsam wieder meiner Angst zu stellen. Diesmal hatte es viel viel länger gedauert, bis ich wieder vor die Tür konnte, ohne direkt in Panik zu verfallen, aber die Hauptsache ist, dass es geklappt hat.

Ende letzten Jahres jedoch erhielt ich die Nachricht, dass mein Vater im Sterben liegt und das riss mir völlig den Boden unter den Füßen weg. Ich habe tagelang nichts gegessen, geweint, bis meine Augen völlig ausgetrocknet waren und irgendwann fing auch mein Körper an zu zittern. Für mich stand jedoch eins fest: ich wollte meinen Vater so nicht sehen und ich konnte es auch nicht. Ich wollte ihn so in Erinnerung behalten, wie er war.. daraufhin erntete ich heftige Kritik, die darauf hinauslief, dass ich eine schlechte Tochter sei und diese Aussage nagt noch heute an mir.
Völlig von der Rolle wie ich in den Tagen war, habe ich dann 3 Wochen später nicht aufgepasst, als ich am Herd stand und habe mich mit heißem Fett schwer im Gesicht und an den Händen verbrannt. Während des Heilungsprozesses war mein Körper völlig am Ende. Mir war ständig schwindelig, ich zitterte, hatte Kopfschmerzen, bekam Augenmigräne (und damit auch direkt die Angst einen Schlaganfall zu haben) und da ich bereits seit Wochen total appetitlos war, aß ich da auch nicht gerade viel.

Nun habe ich gedacht, dass es nach der Heilung endlich wieder Berg auf gehen würde, aber da hatte ich falsch gedacht. Vor einer Woche fing mein Herz an ganz schrecklich zu stolpern (bzw. mal einen Herzschlag auszusetzen). Die ersten Tage merkte ich das ganz heftig, aber mittlerweile ist es so, dass es nur noch sehr leicht zu spüren ist. Am häufigsten kommt es nach dem Aufstehen und nach dem Essen vor. Abends habe ich fast gar keine Stoplerattacken.

Ich weiß zwar, dass das nichts schlimmes ist -genauso wie ich weiß, dass ich während einer Panikattacke nicht sterbe, oder das die Augenmigräne kein Schlaganfall ist- aber es macht mir dennoch wahnsinnige Angst.
Der Arzt sagte mir, ich solle nicht so viel nachdenken und mir nicht immer einen Film auf alles schieben, aber wie soll das bitte gehen, wenn du furchtbare Angst hast, dein Herz könnte mal nicht nur für einen Schlag aussetzen, sondern für ganz viele oder ganz?
Während meiner Bekämpfung der Panikattacken habe ich mir angewöhnt immer wieder meinen Puls zu fühlen, immer wieder die Luft anzuhalten und mich anzuspannen (weil ich ständig unter Schwankschwindel litt), oder auch andere Leute zu fragen, ob sie so etwas auch mal haben.
Sicher, der Arzt hat gesagt, dass alles ok ist und ich selber weiß ja auch, dass mir meine Psyche nur wieder einen Streich spielt, aber irgendwie beruhigt es mich viel mehr, es von Leuten zu hören, die ich kenne. Das ist fast schon wie ein Drang, dieses Bedürfnis zu hören "Das ist nichts schlimmes. Du hast das jetzt nur WEIL und es kann nichts schlimmes sein WEIL". Vielleicht ist es dieses positive, was die Nachrichten an sich haben, dass mich beruhigt. Sagt mir jemand "Du hast nichts schlimmes, aber..." werde ich zum Beispiel wieder ganz kirre und fange an, meinen Körper noch mehr unter die Lupe zu nehmen, als sowieso schon.

All die Jahre, in denen ich gegen diese Angst gekämpft habe, habe ich versucht mich an positiven Dingen festzuhalten. Dabei war es mir ganz egal, ob es eine Komödie im Fernsehen war, tolle Musik oder auch eine Reihe von Witzen.. es ging mir darum, etwas Lebenswertes zu haben, das Lachen zu verlernen und daraus wieder Kraft zu schöpfen.
Ebenso habe ich angefangen, massig Fantasy-Bücher zu lesen, weil die meinen Kopf davon abgehalten haben, über die Realität nachzudenken und ich mich so -wenn auch nur für kurze Zeit- ein bisschen erholen konnte.
Nun allerdings ist es soweit, dass ich an einem Punkt bin, an dem ich nicht weiß, ob ich da wieder raus komme und habe das Gefühl, ausgelaugt zu sein. Das mein Herz Aussetzer hat, macht mich völlig vogelig und ich schränke mich dadruch noch mehr ein, als zuvor und kontrolliere meinen Puls noch mehr als zuvor und frage mich nebenbei ständig, ob vllt auch die Tatsache, dass ich ständig angespannt bin und ab und an unbewusst die Luft anhalte und sowieso völlig falsch atme (nämlich in die Lungen) zusammen mit meiner Psyche die Ursache für mein Problem ist.

Vor 9 Jahren fing alles mit der Angst an, nicht gut genug zu sein, jemanden zu enttäuschen und das verwandelte sich dann im Laufe der Zeit in eine Angst vor der Angst (weswegen ich alles mied, was bereits schon mal Panik in mir ausgelöst hatte) und jetzt auch noch Angst vor einer Herzerkrankung bzw zu sterben? Das ist beinahe, als würde mein Körper sagen" Mist, damit haben wir sie nicht klein gekrigt, als versuchen wir es jetzt anders, ätscht!"
Irgendwann muss doch auch mal gut sein.. *seufz*

Es wäre so schön, wenn ich meinen Kopf nur mal einen Tag lang ausschalten könnte.. Traurig
Ich habe ja gehört, dass gezieltes, positives Denken einen Menschen wieder gesund machen kann.. ob das auch in Angstfällen funktioniert?

Gerade eben habe ich auf einer Seite (nicht hier im Forum) gelesen, dass ein Typ ins KH musste, weil sein Herz ein paar Sekunden ausgesetzt hat. Klasse, nun habe ich wieder etwas zum Grübeln  Weinen

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Rhini
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« Antworten #1 am: 14. März 2010, 11:36:59 »

Hallo Lagrima,
Erst einmal sei willkommen in diesem Forum.
Hört das irgendwann auch mal wieder auf? Vielleicht! Ähnlich wie du wollte ich es auch immer allen recht machen... was sowieso nicht geht, weil man sich meistens selbst vorstellt, was dazu nötig ist und die wirklichen Bedürfnisse der Anderen eigentlich garnicht richtig kennt. Es war ein langer Weg für mich, das zu erkennen und ich bin immernoch auf dem Weg, es auch um zu setzen... nämlich, dass ich nur etwas für Andere tue, wenn sie dies direkt an mich heran tragen... und selbst da überlege ich, ob das in Ordnung für mich ist.

In dem traurigen Fall mit deinem Vater geht es nicht darum, dass die Anderen dich verstehen sollten, sondern um die Akzeptanz deines Verhaltens. Auch damit muss ich immer wieder, gerade meiner Mutter gegenüber, kämpfen. Sie hat von vielen Dingen eine andere Vorstellung als ich und meint oft, ihre Vorstellung sei die Richtige... Die Formel hierfür heißt lapidar, dass ich nicht sie bin und dass ich mein Leben leben muss.

Nun gut, irgendwann ist mir klar geworden, dass ich lernen muss, mit meinem Handycap um zu gehen. Dabei hat mir ein guter Therapeut (der 6. oder 7.) geholfen. Ich erkenne meine eigenen Leistungen an und sehe inzwischen auch kleinere Freuden... ich lebe intensiver, genauer...
Nicht zuletzt, weil ich dann doch auch mal wieder sagen kann, dass Andere erst mal das ableisten müssen, was ich alles geschafft habe. Ich stehe mir selbst wohlwollender gegenüber, gönne mir, dass ich so bin wie ich bin... und habe dadurch auch von Außen mehr Akzeptanz.

Schmerzen, Übelkeit, Schwindelanfälle und viele andere somatische Beschwerden habe ich auch, täglich, aber ich differenziere: was setzt mich außer Gefecht und mit was kann ich immernoch aktiv sein. Meine Migräne ist nach vielen Jahren seltener geworden und Entspannungsübungen helfen mir, wenn mir dadurch, dass ich zu lange den Kopf einziehe, schwindlig wird. Ich hinterfrage Beschwerden, schaue, was mich gerade so belastet. Ich verändere Belastungen so lange, bis sie mir nicht mehr schaden... zB die ellenlangen Besuche bei der Familie... alle reden durcheinander, es wird meistens viel zu viel gegessen und so weiter... das habe ich nicht abgeschafft, sondern reduziert; zeitlich begranzt... wenn ich genug habe, gehe ich!
Ich höre also auf meinen Körper, weil der mir genau sagt, wann er etwas braucht und vor Allem, wann ihm etwas zuviel ist.

Bewußtes positives Denken... hilft vielleicht, etwas zu überstehen, doch ich bin mir nicht sicher, dass es jemanden mit Angsterkrankung gesund machen kann. Viel mehr hilft vielleicht, bewußter hin zu sehen, gerade wenn man Dinge macht, die mit Angst behaftet sind. Ich habe vieles hinterfragt, geschaut, was es für mich bedeuten würde, wenn etwas negativ ausfällt und ob ich das dann akzeptieren kann. Busfahren zB... geht inzwischen ganz gut, weil ich mir alle Optionen offen halte, so wie zwischendurch aus zu steigen, um zu kehren und so weiter.
Andererseits haben mich viele kleine Erfolge selbstsicherer gemacht, was wiederum Erfolge nach sich ziehen kann, weil mein Auftreten in der Öffentlichkeit ein Anderes geworden ist.

Noch etwas:
Viele Menschen wissen nicht genau, was sie wollen, wer sie sind... zuletzt, weil sie nie darüber nachdenken. Andererseits verändern sich die Bedürfnisse und Interressen mit der Zeit immer wieder mal, so dass man auch immer wieder anfangen kann, sich etwas Neues auf zu bauen. Vielleicht ist es wichtig, sich bei allem, was man tut auch sich selbst immer wieder zu sehen....:
ICH habe dieses Feuer gemacht!

LG
Rhini
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Fridolin
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Beiträge: 568



« Antworten #2 am: 05. April 2010, 08:14:53 »

Hi Lagrima
Von mir auch ein willkommen!
Deine Geschichte beweist mir wieder, daß die Angst ein mächtiges Gefühl ist und daß sie mit dem Willen allein nicht auszuschalten ist. Vor allem ist ein Mensch, der Angst aushalten muß, gleich wertvoll als andere Menschen.  Ich glaube, daß das Angstgefühl die Folge einer ängstlichen Denkweise ist. "Katastrophenfilme", die laufend im "Kopfkino" ablaufen, haben die Folge, daß immer die schlimmsten Ereignisse gedacht werden. Diese Gedanken lösen sofort Angst aus und der Teufelskreis beginnt. Ich glaube auch, daß  Angst-oder Panikattacken von keiner positiven Denkweise aufgehalten werden können. Erst nach längerer Erfahrung mit der Angst, kann ich mit Entspannung und Atemübungen dagegen halten. Entspannung-und Atemübungen helfen immer, mal mehr, mal weniger. Ich habe gute Erfahrungen mit Bücher, dier über die Entstehung der Angst und mit Anleitungen dagegen, gemacht.
Vielleicht kannst du mit diese Zeilen was anfangen. Viel Kraft und Energie.
Gespeichert

Fridolin Steinpalme
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