Christoph Wölk, Universität Osnabrück, Fachbereich Psychologie
Was ist eine Zwangserkrankung?
Mindestens 2% der Bevölkerung leiden unter einer psychischen Erkrankung,
die sie sowohl in ihrem Privatleben als auch bei ihrer beruflichen Tätigkeit
massiv beeinträchtigt. Verhaltensweisen, die von der Umgebung des
Erkrankten oftmals als "Putzfimmel", "Ordnungstic"
oder auch als "Marotte" angesehen werden, können für
die Betroffenen selbst derart quälend werden, daß sie sich
aus allem zurückziehen. Depressionen und Selbstwertverlust sind
eine häufige Folge. Obwohl die Entstehung von Zwangshandlungen
und Zwangsgedanken immer noch nicht endgültig geklärt ist,
spricht vieles dafür, daß eine erbliche Bereitschaft, eine
Zwangserkrankung zu entwickeln und das Erleben einer massiven psychischen
Überlastung dabei zusammenwirken. Hat sich die Erkrankung erst
einmal etabliert, was manchmal bereits im Jugendalter, gehäuft
jedoch beim jungen Erwachsenen geschieht, tritt sie dann besonders bei
größeren psychischen Belastungen verstärkt auf. Es kann
sogar auch längere Phasen geben, in denen die Erkrankung ganz in
den Hintergrund tritt, das Erleben einer erneuten psychischen Krise
vermag die Krankheit jedoch wieder aus ihrem "Dornröschenschlaf"
zu wecken.
Zwangserkrankung oder zwanghafte Persönlichkeit?
Von einer Zwangserkrankung abzugrenzen ist zwanghaftes Verhalten, das
aufgrund des Vorliegens einer sogenannten "zwanghaften" Persönlichkeitsstruktur
entsteht. Dabei handelt es sich um in den Augen eines Beobachters zwanghaft
erscheinendes Verhalten, das jedoch von dem Betroffenen selbst z.B.
als eine zum Perfektionismus neigende Wesensart empfunden wird, auf
die er in der Regel stolz ist. Demgegenüber erleben Zwangskranke
ihre Zwangshandlungen und Zwangsgedanken als etwas, mit dem sie sich
nicht identifizieren können, sondern das ihnen auf unerklärliche
Weise aufgezwungen wird, wobei sie sich jedoch bewußt sind, daß
der Drang aus ihnen selbst kommt, d.h. ihnen nicht von außen aufgezwungen
wird.
Der Drang, der nicht zu stoppen ist
Zwangserkrankte schildern ihre Situation häufig so, daß sie
durch das Ausführen der Zwangshandlungen, wie z.B. sich waschen,
reinigen der Wohnung oder von Gegenständen, wiederholtes Kontrollieren
von elektrischen Geräten, Wasserhähnen oder Türschlössern,
versuchen, das sich bei ihnen nicht einstellende Gefühl, alles
sei in Ordnung, mit aller Macht doch noch zu erzwingen. Fatalerweise
hat dieses den Regeln des Zwangs gehorchende Ausführen des Zwangsrituals
zur Folge, daß der Zwang dadurch immer stärker wird, wodurch
es den Erkrankten zunehmend schwerer fällt, das von ihnen gewünschte
Gefühl von Sicherheit zu erreichen. Dabei kommt noch erschwerend
hinzu, daß Zwangskranke oftmals ein übertriebenes Sicherheitbedürfnis
aufweisen, d.h. sie können sich nicht damit abfinden, daß
ein Leben ohne Risiko nicht möglich ist. So läßt sich
auch erklären, daß häufig abergläubische Elemente
und magisches Denken in die Zwangshandlungen integriert werden. Dies
führt dann dazu, daß z.B. erst das "dreimalige"
Reinigen eines Gegenstandes ein einigermaßen ausreichendes Gefühl
von Sauberkeit hervorzurufen vermag. Es kann aber auch sein, daß
eine bestimmte Anzahl von Wiederholungen einer Handlung, z.B."5
10 15 usw.", vermieden werden muß, damit einem Familienmitglied
kein Unheil widerfährt oder ein Flugzeugabsturz verhindert wird.
Der Zwang, das Ende der Vernunft
Obwohl den Erkrankten zumindest zeitweise die Unsinnigkeit ihres Denkens
und Handelns bewußt ist, gelingt es ihnen nicht, wenn sie in eine
entsprechende Situation geraten, zu verhindern, daß sie wieder
in die negative Gefühlswelt des Zwangs verfallen. Erst das oftmals
stundenlange Ausführen der Zwangshandlungen vermag dann dieses
Gefühl einigermaßen ausreichend zu beenden. Bei einem erneuten
Kontakt mit den den Zwang auslösenden Reizen, wie z.B. Schmutz,
beginnt für den Zwangserkrankten das Ganze jedoch wieder von vorne.
Zusammenfassung der wesentlichen Merkmale einer Zwangserkrankung:
1. Die sich ständig wiederholenden Gedanken und Handlungen müssen
mindestens eine Stunde pro Tag in Anspruch nehmen und von dem Betroffenen
als belastend empfunden werden.
2. Dieser sollte zumindest zeitweise erkennen, daß die Gedanken,
Handlungen und Gefühle unsinnig oder übertrieben sind.
3. Das Auftreten des zwanghaften Verhaltens kann nicht auf eine andere
Erkrankung oder die Einnahme von Drogen zurückgeführt werden.
Der Zwang in seinen verschiedenen Gewändern
Im folgenden werden die zum Teil recht unterschiedlichen Erscheinungsformen
von zwanghaftem Erleben und Verhalten, die unter dem Oberbegriff Zwankserkrankung
subsumiert werden, beschrieben:
Reinigungszwänge
Sie machen den weitaus größten Anteil der Zwangserkrankungen
aus. Die unter einem Reinigungszwang Leidenden haben panische Angst
oder Ekel vor Schmutz, Bakterien, Viren, Körpersekreten oder -ausscheidungen.
Das In-Kontakt-Kommen mit derartigen Stoffen, selbst dann, wenn noch
nicht einmal ein physischer Kontakt stattgefunden hat, ruft bei ihnen
massive Verunreinigungsängste (Kontaminationsängste) hervor.
Um sich davor zu bewahren, unternehmen die Erkrankten große Anstrengungen,
ihre "saubere Welt" vor der "verschmutzten Welt"
zu schützen. Um diese beiden Welten voneinander getrennt zu halten,
müssen sie selbst und ihre Angehörige sich z.B. beim Nachhausekommen
ausgiebig duschen und ihre Kleidung vollständig wechseln.
Läßt sich in den Augen des Zwangskranken trotz aller Vorsichtsmaßnahmen
und Vorkehrungen die Möglichkeit eines Kontaktes mit dem gefürchteten
Stoff nicht ausschließen, so macht dies ausgiebige Reinigungsrituale
nötig, bei denen die Hände, der Körper, die Wohnung oder
möglicherweise verunreinigte Gegenstände stundenlang gereinigt
oder desinfiziert werden müssen. Um dies zu umgehen, dreht sich
das ganze Denken des Betroffenen darum, wie er alle Situationen vermeiden
kann, in denen ein Kontakt mit dem gefürchteten Stoff denkbar wäre.
Dies hat dann häufig ein Leben in sozialer Zurückgezogenheit
zur Folge.
Kontrollzwänge
Sie bilden eine weitere große Gruppe unter den Zwangserkrankungen.
Betroffene leiden unter dem Unvermögen, beim Verlassen ihrer Wohnung
das Gefühl zu erlangen, daß wirklich alle Geräte ausgeschaltet
wurden, die Fenster zu sind oder die Wohnungstür verschlossen ist.
Selbst das wiederholte Überprüfen dieser Dinge vermag ihnen
nicht das von ihnen benötigte Gefühl von Sicherheit zu geben,
daß alles in Ordnung ist, weshalb es ihnen unmöglich ist,
die Wohnung zu verlassen; oder sie müssen immer wieder zu ihrer
Wohnung zurückkehren, um einen erneuten Kontrollgang vorzunehmen.
Unpünktlichkeit und dadurch oftmals Probleme am Arbeitsplatz sind
die Folge dieses Zwangs. Verläßt der Erkrankte jedoch nicht
als letzter die Wohnung, so tritt keine Zwangssymptomatik auf bei ihm
auf, da er in diesem Fall keinerlei Verantwortung trägt.
Sammelzwänge
An ihnen erkrankte Personen bringen es nicht übers Herz, sich von
Dingen zu trennen, selbst wenn diese wertlos sind. In extremen Fällen
kann dies soweit gehen, daß die am Sammelzwang Erkrankten in ihrer
Wohnung den Hausmüll horten, weil selbst dieser von ihnen nicht
weggeworfen werden darf.
Wiederholungszwänge
Die davon Betroffenen müssen Handlungen eine bestimmte Anzahl Male
ausführen, bevor sich bei ihnen ein Gefühl von Sicherheit
einstellt, daß ihnen, ihren Angehörigen
oder auch anderen Menschen nichts Fürchterliches widerfährt.
Ordnungszwänge
Daran Erkrankte können es nicht ertragen, wenn Dinge in einem nach
ihren Kriterien ungeordneten Zustand da liegen, bzw. sie beim Verlassen
des Hauses "diese" Unordnung zurücklassen müssen.
Stattdessen verbringen sie viel Zeit damit, " ihre Ordnung"
ganz penibel wieder herzustellen.
Zwangsgedanken
Obwohl bei den soweit beschriebenen Zwangserkrankungen in den meisten
Fällen sich aufdrängende Gedanken eine zentrale Rolle spielen,
gibt es auch eine Gruppe von Erkrankungen, bei denen der Zwang ausschließlich
aus Gedanken besteht, gegen die sich die Betroffenen, ähnlich wie
bei einem Lied, das einen als "Ohrwurm" quält, nicht
wehren können. Dabei kann es sich z.B. um Gedanken handeln, man
könnte etwas gegen seinen Willen tun, was man sich nicht verzeihen
würde, wie z.B. jemanden beschimpfen oder attackieren. Auf gleiche
Weise kann ein Erkrankter auch ständig von dem Gedanken beherrscht
sein, er könnte in der Kirche aufstehen und laut Gotteslästerungen
ausrufen.
Es gibt aber auch Zwangsgedanken, die zeitlich nicht vorwärts,
sondern rückwärts gerichtet sind; z.B. in dem Sinne, daß
die Betroffenen aus Angst, sie hätten jemanden aus Unachtsamkeit
mit dem Auto angefahren, noch einmal die gefahrene Strecke zurückfahren
müssen, um sich davon zu überzeugen, daß dies nicht
der Fall ist.
Möglichkeiten der Behandlung von Zwangserkrankungen
Noch bis vor einigen Jahren schien die Therapie von Zwangserkrankungen
ein wenig erfolgversprechendes Unterfangen zu sein. Dies hat sich jedoch
inzwischen maßgeblich geändert, denn im Bereich der Psychotherapie
sind sowohl im ambulanten als auch im stationären Bereich verhaltenstherapeutische
Methoden entwickelt worden, die oftmals bereits innerhalb von Monaten
zu einer nachhaltigen Verbesserung führen können. Hierbei
dürfte ein konsequent handlungsorientiertes Vorgehen das wirksamste
therapeutische Element darstellen.
Dem Zwang den Gehorsam verweigern
Konkret bedeutet dies, daß nach einer ausführlichen Vorbereitung
durch psychotherapeutische Gespräche der Patient zunächst
unter Anleitung, später aber auch alleine lernt, gegen seinen Zwang
zu handeln. D.h. er unterläßt es, in Situationen, die den
Zwang auslösen, trotz des in ihm aufkommenden starken inneren Drangs,
die Zwangshandlung auszuführen. Auf diese Weise kann er die Erfahrung
machen, daß die durch die Konfrontation mit den kritischen Situationen
in ihm hervorgerufenen negativen Gefühle entgegen seiner ursprünglichen
Annahme von ihm unbeschadet ausgehalten werden können. Auch die
Befürchtung, daß bei Nichtausführen der Zwangshandlung
die bedrohlichen Gefühle über eine lange Zeit hinweg unverändert
stark bestehen bleiben würden, erweist sich bei derartigen Konfrontationen
als falsch, weil unser Organismus auch ohne unser Zutun dafür sorgt,
daß wir wieder zur Ruhe kommen. Durch die Erfahrung, daß
die Gefühle von Angst, Ekel oder Abscheu, wenn man sich ihnen stellt,
unerwartet schnell und nachhaltig abnehmen, verliert der Zwang seine
Bedrohlichkeit, der "Teufelskreis" der Angst vor dem Zwang
wird durchbrochen und die von diesem sonst ausgehende Verstärkung
der Zwangssymptomatik fällt weg. Behält der Betreffende es
über längere Zeit bei, mehrmals am Tag sich mit den bisher
gemiedenen Gefühlen ohne Vermeidung zu konfrontieren, so erlebt
er, wie dadurch die Zwangssymptomatik allmählich an Einfluß
auf sein Leben verliert. Dieses dem Zwang immer wieder entschlossene
Entgegentreten läßt nicht nur die Symptomatik weniger werden,
sondern stellt für den Betroffenen zusätzlich noch eine Gelegenheit
dar, Erfolgserlebnisse zu sammeln. Derartige Selbstbestätigungen
benötigt der Zwangserkrankte dringend, da sein Selbstbewußtsein
meist stark angeschlagen ist.
"Ich habe zwar noch einen Zwang, aber der Zwang hat mich nicht
mehr"
Obwohl dieses sich dem Zwang Aus- bzw. Widersetzen den Beginn einer
nachhaltigen Verbesserung der Zwangserkrankung bildet, muß ein
Teil der Patienten auch nach Abschluß der Verhaltenstherapie noch
darauf achten, immer wieder konsequent gegen den Zwang zu handeln. Das
möglichst häufige Absolvieren eines individuell gestalteten
"Anti-Zwang-Parcours" trägt zur Stabilisierung des Behandlungserfolges
bei und verbessert die psychische Situation des Patienten insgesamt.
Ein Schwimmreifen erleichtert das Schwimmenlernen.
Es kann ratsam sein, die Verhaltenstherapie medikamentös mit Hilfe
von sogenannten "Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmern" zu unterstützen.
Die Wirkung dieser Medikamente läßt sich mit der eines Schwimmreifens
beim Schwimmenlernen vergleichen. Dieser ist zum Erlernen nicht unbedingt
nötig, hilft jedoch, die Angst vor dem Wasser zu überwinden.
Bezüglich einer rein medikamentösen Behandlung von Zwangsstörungen
herrscht die Meinung vor, daß die auf diese Weise erzielbare Besserung
der Symptomatik beim Absetzen des Medikamentes in der Regel wieder verloren
geht. Deswegen erscheint es ratsam, daß der an einer Zwangsstörung
Erkrankte bei der Konsultation eines Facharztes für Nervenheilkunde
bzw. Psychotherapie die Möglichkeit erörtert, sich in psychotherapeutische
Behandlung zu begeben. Dabei sollte einem in der Therapie von Zwangserkrankungen
erfahrenen Verhaltenstherapeuten der Vorzug gegeben werden.
Hilfe zur Selbsthilfe
Als in jedem Fall sich günstig auf die Entwicklung der Zwankserkrankung
auswirkend hat sich der Besuch einer Selbsthilfegruppe zum Thema Zwang
erwiesen. Selbst dann, wenn sich der Betroffene bereits in einer Therapie
befindet, läßt sich auf diesem Wege der Erfolg der Behandlung
noch verbessern. Eine solche, inzwischen in den meisten größeren
Städten existierende Selbsthilfegruppe bietet dem Erkrankten häufig
zum ersten Mal in seinem Leben die Gelegenheit, offen über seinen
Zwang zu sprechen. Neben dem Austausch von Erfahrungen im Umgang mit
der Erkrankung, motiviert die Teilnahme an einer solchen Gruppe den
Erkrankten, die Rolle des Opfers zu überwinden und dem Zwang aktiv
entgegen zu treten. Die Worte einer am Zwang erkrankten Patientin, zwei
Tage nach ihrer ersten Teilnahme an einer solchen Selbsthilfegruppe,
bringen dies auf prägnante Weise zum Ausdruck:
"Der Besuch der Selbsthilfegruppe hat mir Hoffnung gegeben, nach
all den Jahren meine Zwangserkrankung doch noch überwinden zu können.
Dort berichtete eine Teilnehmerin von den Fortschritten, die sie in
den vergangenen zwei Jahren dadurch, daß sie sich in Psychotherapie
begeben hatte, erzielen konnte. Sie strahlte dabei soviel Zuversicht
aus. Ich war von dieser Erfahrung so beeindruckt, daß ich am nächsten
Tag mit zwei mir vertrauten Menschen darüber sprechen mußte.
Bei dieser Gelegenheit habe ich ihnen Vieles über meinen Zwang
mitgeteilt, was ich mich bisher niemanden zu erzählen getraut habe.
Durch den Kontakt mit den anderen Selbsthilfegruppenmitgliedern ist
bei mir eine deutliche Zunahme an Risikobereitschaft entstanden, so
daß ich mich in die Lage versetzt sehe, als "Hausaufgabe"
zwischen zwei Abenden damit zu beginnen, zunehmend mehr meiner Zwangsregeln
zu durchbrechen, um mich so allmählich von meinem Zwang zu befreien.
Ich würde mich freuen, wenn ich durch die Gruppe auch die Möglichkeit
bekäme, Menschen zu treffen, bei denen ich in schlechten Zeiten
anrufen kann."
Zwänge und Angehörige (Burkhard Ciupka, Geschäftsführer
der DGZ)
Bis zum Sommer 1997 gingen bei der Geschäftsstelle 12.000 Anfragen
ein, die wir teils telefonisch teils schriftlich beantwortet haben.
Von den Anfragen stammten 55% von den Betroffenen und 20% von deren
Angehörigen, was ein starker Hinweis darauf ist wieweit Angehörige
in das Zwangsgeschehen (Kontroll-, Waschrituale etc.) einbezogen werden.
Angehörige begegnen der Zwangserkrankung häufig mit Hilflosigkeit,
manchmal gar mit Wut, was die Notwendigkeit gesonderter Angebote für
Angehörige von Zwangserkrankten deutlich macht.
Fast immer ist es ein Krankheitsprozeß beobachtbar, der mit milden
Zwangssymptomen beginnt, hin zu immer aufwendigeren Ritualen, in die
auch die Angehörigen einbezogen werden, z.B.: werden diese angehalten
Zwangskontrollen stellvertretend zu übernehmen, die gemeinsamen
Badezimmer werden stundenlang durch die Ausübung der Waschzwänge
belegt, Angehörige werden genötigt, immer wieder die gleichen
Antworten zu geben, gemeinsamer Wohnraum vermüllt bei Sammelzwängen.
Krankheitseinsicht bei Zwangserkrankungen (Burkhard Ciupka, Geschäftsführer
der DGZ)
In den zur Zeit gültigen Diagnosemanualen (DSM-IV, ICD 10) wird
festgestellt, daß Zwangskranke mindestens zeitweise Einsicht über
die Unsinnigkeit ihrer Zwänge verfügen. Zwänge werden
als Ich-fremd beschrieben, gegen die der Betroffene zum Teil erheblichen
Widerstand leistet. Durch unsere Erfahrungen aus 12.000 Telefonkontakten
erhärtet sich bei uns eine ergänzende Auffassung:
In der Anfangsphase der Entwicklung läßt sich eine ausgeprägte
Tendenz feststellen, die Zwangssymptome zu verbergen und sie in Ihrer
Bedeutung herunterzuspielen. Bei Arztkontakten werden Zwangssymptome
in der Regel verschwiegen, andere Begleitsymptome wie Anspannung, Niedergeschlagenheit
und körperliche Beschwerden werden stattdessen in den Vordergrund
gestellt.
Aus unseren eigenen Erhebungen wissen wir, daß im Durchschnitt
9,3 Jahre bis zur Diagnosestellung der Zwangserkrankungen vergehen.
Sehr häufig drängen gerade die Angehörigen den Betroffenen
zur Behandlung. Viele Partnerschaften zerbrechen aufgrund erfolgloser
Therapien. Die Familie wird durch die lange Krankheitsgeschichte einer
außerordentlichen Belastung ausgesetzt, die sich dadurch noch
steigert, daß nur sehr allmählich ein Krankheitsbewußtsein
und schließlich eine Behandlungsmotivation bei den Betroffenen
wächst.
Große Unterschiede gibt es im Tempo, mit dem sich bei den Betroffenen ein Krankheitsbewußtsein entwickelt.
1. Zwangsgedanken, insbesondere diejenigen, die aggressiver Natur sind,
werden von den Betroffenen vom ersten Augenblick ihres Auftretens als
Ich-fremd und äußerst unangenehm bewertet.
2. Bestimmte Zwangshandlungen, z.B.: diejenigen, die auf Hygiene oder
Ordnung abzielen, erhalten eine gewisse Rechtfertigung und damit soziale
Unterstützung. In diesen Fällen stellt sich das Krankheitsbewußtsein
bei den Betroffenen erst dann ein, wenn die Zwänge bereits im großen
Maße in dessen Lebensräume eingedrungen sind. Behandlung
wird dann gesucht, wenn gesundheitliche Folgeprobleme entstehen, die
Partnerschaft oder der Arbeitsplatz bedroht wird.
Zwänge und Komorbidität (Burkhard Ciupka, Geschäftsführer
der DGZ)
Bisherige Studien zeigen übereinstimmend, daß Zwänge
in den meisten Fällen in ein vielfältiges Krankheitsgeschehen
eingebettet sind: Zwänge treten in Gemeinschaft mit Phobien, Panik,
Eßstörungen, Tics, Psychosen und psychosomatischen Beschwerden
auf. Der überwiegende Teil der Zwangserkrankten berichtet darüberhinaus,
im Laufe seiner Krankheitsgeschichte eine Depression durchlebt zu haben.
Aus der Sicht der Betroffenen werden Zwänge als besonders peinlich
empfunden. Bei Kontakten mit Ärzten werden die Sypmtome der andereren
Erkrankungen eher in den Vordergrund gestellt.
Aus der Sicht der Therapeuten erschwert die Vielgestaltigkeit des Erscheinungsbildes
die zuverlässige Unterscheidung z.B.: Bei Depressionen treten in
sehr vielen Fällen Formen des Grübelns auf, die nur schwer
von Zwangsgedanken zu unterscheiden sind. Wird der zwanghafte Charakter
dieser Gedanken übersehen, läuft die Behandlung ins Leere,
weil die Zwangserkrankung in vielen Fällen eine Aufnahme befriedigender
Tätigkeiten verhindert.
Verantwortlich: Vorstand der Deutschen Gesellschaft Zwangserkrankungen
Technische Betreuung: Manfred Tücke, Universität Osnabrück
Editor: Frank Ollermann
Die inhaltliche Verantwortung liegt bei den Autoren.
